von Naweed Sherzad und Mohammad Mohammadi
Die Geschichte der Germanistik in Afghanistan ist eng verflochten mit politischen Umbrüchen, Modernisierungsprojekten und persönlichen Bildungsbiografien. Sie zeigt, wie eine europäische Sprache in einem mehrsprachigen, von Konflikten geprägten Land einen erstaunlich stabilen Platz in Bildung und Wissenschaft behaupten konnte.
Frühe Kontakte und symbolische Anfänge
Afghanistan rückte bereits im 19. Jahrhundert in das europäische Bewusstsein, etwa durch Theodor Fontanes Ballade „Das Trauerspiel von Afghanistan“ (1859), in der er den katastrophalen Rückzug britischer Truppen von Kabul nach Jalalabad im Januar 1842 literarisch verarbeitet. Fontane beschreibt ein Ereignis, bei dem Tausende Zivilisten sowie britische und indische Soldaten ums Leben kamen und macht damit die strategische Bedeutung Afghanistans sichtbar. Der einzige Überlebende dieses Rückzugs, der Militärarzt William Brydon, wurde von den Afghanen bewusst verschont, damit er die Nachricht vom Untergang des britischen Heeres überbringen konnte – ein symbolischer Akt mit hoher politischer Aussagekraft.
Auf politischer Ebene knüpfte Deutschland 1915 erste diplomatische Beziehungen zu Afghanistan, aus denen sich eine bis heute anhaltende Freundschaft entwickelte. Diese lange gemeinsame Geschichte bildet noch immer einen wichtigen Bezugspunkt für die deutsche Politik gegenüber Afghanistan.
Unabhängigkeit und Modernisierung unter Amanullah Khan
Nach schweren Auseinandersetzungen mit Großbritannien gelang es Afghanistan 1919 unter König Amanullah Khan politische Unabhängigkeit zu erlangen. Die Lage blieb jedoch fragil, da das Land im Norden durch die Sowjetunion und im Osten weiterhin durch Großbritannien bedroht war. Amanullah Khan erkannte die Komplexität dieser Situation und suchte nach Wegen, die Unabhängigkeit des Landes durch Modernisierung und internationale Kooperationen zu sichern.
Dabei spielte die Annäherung an europäische Staaten, insbesondere an Deutschland und Frankreich, eine zentrale Rolle. Deutschland erschien aus mehreren Gründen als besonders geeigneter Partner: Zum einen hatte es nie ein muslimisches Land kolonisiert, was in der religiös geprägten afghanischen Gesellschaft eine hohe Akzeptanz ermöglichte. Die afghanische Regierung ließ in Moscheen Deutschland öffentlich loben, um in der Bevölkerung eine positive Haltung gegenüber diesem Partnerstaat zu fördern. Zum anderen waren deutsche Beiträge in Wissenschaft, Technik und Kapitalinvestitionen für die Modernisierung Afghanistans von großer Bedeutung.
Amanullah Khan leitete daher gezielt Schritte ein, um politische, kulturelle und wirtschaftliche Beziehungen zu Deutschland aufzubauen. 1921 wurde in Berlin die erste afghanische Gesandtschaft eröffnet, 1923 erhob Deutschland seine Vertretung in Kabul zur Botschaft; im Verlauf der 1920er Jahre vertieften sich diese Beziehungen stetig. Ein Höhepunkt war der Deutschlandbesuch Amanullahs 1928, bei dem er von Reichspräsident Paul von Hindenburg empfangen wurde und mehrere Bildungs- und Kulturabkommen unterzeichnete. (Zur Beziehung zwischen Deutschland und Afghanistan vgl. Alema 2024 und 2019.)
Die Amani-Oberrealschule und die Verbreitung des Deutschunterrichts
In diesem politischen und kulturellen Kontext wurde 1924 in Kabul die Amani-Oberrealschule gegründet, ein bis heute wirkmächtiges Symbol deutsch-afghanischer Bildungskooperation. Volker Bausch beschreibt die Schule als Teil der kulturellen Reformen Amanullahs, der von seinem Besuch in Deutschland tief beeindruckt war. Ziel der Amani-Schule war es, Schüler auf ein Studium an deutschen Hochschulen vorzubereiten, um dem Land qualifizierte höhere Beamte, Ingenieure, Ärzte und Lehrer zu verschaffen und sie zu selbstständigen, charakterfesten Persönlichkeiten zu erziehen (vgl. Bausch 2008: 20f.).
Der Deutschunterricht blieb nicht auf Kabul beschränkt, sondern breitete sich auf weitere Institutionen aus. Deutsch wurde unter anderem an der Mahmoud-Hotaki-Schule, der Aischa-Durrani-Schule, dem Dschumhuryat-Lyzeum, der Technischen Schule in Khost sowie an der Kunst- und Handwerksschule in Kabul unterrichtet. Eine Zeit lang war Deutsch nach Englisch die zweitwichtigste Fremdsprache im afghanischen Bildungssystem und nahm damit eine herausragende Position ein.
Diese Entwicklung war jedoch immer auch von politischen Umbrüchen begleitet. Während der engen Beziehungen zur Bundesrepublik Deutschland erlebte der Deutschunterricht eine Blütezeit; nach der Revolution von 1978 und der Machtübernahme einer Sowjetunion-nahen Regierung verließen viele westdeutsche Lehrkräfte das Land. Auf wiederholte Bitte der afghanischen Regierung übernahm schließlich die DDR, unterstützt von der Sowjetunion, die Verantwortung für den weiteren Deutschunterricht. In einem Interview mit Susan Zwerwinsky berichtet André Wejwoda, der von 1985 bis 1988 an der Mahmoud-Hotaki-Schule Deutsch unterrichtete, über seine Unterrichtspraxis, die Ausbildung afghanischer Lehrkräfte und die kulturpolitischen Zielsetzungen der DDR in Afghanistan (vgl. Wejwoda 2008).
Universitäre Germanistik: Institutionalisierung der deutschen Sprache
Auf universitärer Ebene setzte die systematische Beschäftigung mit Deutsch 1961 ein, als an der Fakultät für Sprachen und Literatur der Universität Kabul eine eigene Deutschabteilung gegründet wurde. Damit erhielt die Germanistik einen institutionellen Rahmen, der für die Ausbildung von Lehrkräften, Übersetzerinnen und Wissenschaftlern von grundlegender Bedeutung war (vgl. Behbud 2006). Inzwischen wird Deutsch nicht nur an der Universität Kabul, sondern auch an zwei weiteren renommierten staatlichen Universitäten des Landes unterrichtet, an den Universitäten Nangarhar im Osten und Herat im Westen Afghanistans.
Eine zentrale Rolle in dieser Geschichte spielt Professor Ghulam Dastgir Behbud, einer der ersten Absolventen der Germanistikabteilung der Universität Kabul. Seit 1974 lehrte er dort als Dozent und prägte die fachliche Entwicklung maßgeblich. Er absolvierte seine höheren Studien in Germanistik an der Humboldt-Universität zu Berlin und übernahm neben der Lehre zahlreiche weitere Aufgaben.
Behbud unterrichtete am Goethe-Institut, vertrat die Deutschabteilung im Universitätsrat und arbeitete eng mit Partnerinstitutionen wie der Universität Duisburg-Essen und dem DAAD zusammen. Durch seine Initiative entstanden Stipendiennetzwerke; zudem trug er entscheidend zur Qualitätssteigerung der Lehre und zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses bei. Seine Tätigkeit war stets von dem Anliegen getragen, die afghanisch-deutsche Bildungstradition zu pflegen und weiterzuführen.
Für seine Verdienste um die deutsche Sprache und um die Germanistik in Afghanistan wurde Gholam Dastgir Behbud 2008 im Weimarer Residenzschloss mit der Goethe-Medaille ausgezeichnet, wobei er in der Laudatio als „weitsichtiger Planer“ gewürdigt wurde. Nach den Jahren des Krieges und der Zerstörung war er es, der ab 2002 die am Boden liegende Germanistikabteilung der Universität Kabul wiederaufbaute. Dank seines unermüdlichen Engagements zählt die Abteilung heute mit ihrer Bibliothek, ihren Lehrmaterialien und ihrer fachlichen Qualität zu den stärksten Fachbereichen der Universität Kabul.
Germanistik im Wandel: Aktuelle Diskurse und Herausforderungen
Am 13.01.2026 fand im Rahmen des Masterseminars „Kulturwissenschaftliche Forschungsperspektiven und Themenfelder (Fachkolloquium)“ ein thematisch bedeutsames Ereignis statt. Unter dem Titel „Germanistik im Wandel: Geschichte, Gegenwart und Zukunft der deutschen Sprache in Afghanistan“ wurde ein Vortrag und Gespräch mit Professor Behbud organisiert, der sich per Zoom zuschaltete.
Das Fachkolloquium widmete sich drei Themenblöcken, die zentrale Linien der gegenwärtigen Diskussion markieren:
- Die Geschichte des Deutschlernens in Afghanistan und die Frage, wie sich Deutsch seinen Weg in die afghanische Bildungspolitik bahnte.
- Der Stellenwert des Deutschen als Wissenschaftssprache in Afghanistan, vor allem im Spannungsfeld zwischen politischen Rahmenbedingungen, institutioneller Ausstattung und internationaler Sichtbarkeit.
- Die Chancen und Herausforderungen der Germanistik in Afghanistan, etwa mit Blick auf Curricula, Kooperationen, Berufsperspektiven und die zunehmende Digitalisierung.
Diese Themen machen deutlich, dass die Germanistik in Afghanistan weit über ein „klassisches“ philologisches Fach hinausgeht. Sie bildet vielmehr eine Schnittstelle zwischen Bildungs- und Sprachpolitik, Kulturtransfer und wissenschaftlicher Vernetzung. Gleichzeitig steht die Germanistik vor der Aufgabe, neue Rahmenbedingungen wie Migrationsbewegungen, veränderte globale Machtkonstellationen und digitale Lehrformate produktiv zu integrieren.
Fazit: Kontinuität, Brüche und Zukunftsperspektiven
Überblickt man die Entwicklung seit Beginn des 20. Jahrhunderts, so wird deutlich, dass Deutsch in Afghanistan zeitweise de facto die Position der wichtigsten Fremdsprache innehatte. Trotz Kriegen, politischen Systemwechseln und zeitweiliger institutioneller Schwächung zeigt sich eine bemerkenswerte Kontinuität der afghanisch-deutschen Bildungsbeziehungen. Diese reicht von den frühen diplomatischen Missionen und der Amani-Oberrealschule über den universitären Ausbau der Germanistik bis zu aktuellen Online-Vorträgen und Forschungsseminaren.
Afghaninnen und Afghanen pflegen bis heute eine tiefe Zuneigung zur deutschen Sprache und Literatur, was sich sowohl in der Nachfrage nach Deutschunterricht als auch in langfristigen Kooperationen mit deutschen Institutionen zeigt. Die Geschichte der Germanistik in Afghanistan lässt sich daher als dynamischer Prozess lesen, in dem sich historische Erfahrungen, nationale Modernisierungsprojekte und transnationale Bildungsnetzwerke überlagern. Gerade unter den derzeit schwierigen politischen Rahmenbedingungen können diese gewachsenen Beziehungen als Ressource dienen, um Perspektiven für eine gemeinsame wissenschaftliche Zukunft offen zu halten.
Literatur:
Alema, Alema (2024): Beziehungen zwischen Afghanistan und Deutschland in den Jahren 1919 bis 1929. 3. Auflage. Gießen: VVB Laufersweiler Verlag (Edition Scientifique).
Alema, Alema (2019): روابط بین افغانستان و آلمان بین سال های ۱۹۱۹-۱۹۲۹ [Beziehungen zwischen Afghanistan und Deutschland in den Jahren 1919 bis 1929]. Übersetzt aus dem Deutschen von Gholam Dastgir Behbu. Kabul: Aazam Verlag.
Bausch, Volker (2008): Die Anfänge der Amani-Oberrealschule in Kabul. In: Zerwinksy, Susan (Hg.): Lessing in Kabul. Deutsche Sprache, Literatur und Germanistik in Afghanistan. München: Iudicium, S. 20-25.
Behbud, Gholam Dastgir (2006): Deutsch in Afghanistan. Jahrbuch für Internationale Germanistik, 38 (2), S. 35–47.
Fontane, Theordor (1962): Balladen und Gedichte. München: Nymphenburger (Sämtliche Werke, 20).
Wejwoda, Andre (2008): Wir konnten nur erste Samenkörner ausstreuen. In: Zerwinksy, Susan (Hg.): Lessing in Kabul. Deutsche Sprache, Literatur und Germanistik in Afghanistan. München: Iudicium, S. 26-35.

