Diskussionsrunde am 9. Dezember 2025 im Fachkolloquium Interkulturelle Germanistik mit 任卫东 Rèn Wèidōng (BFSU) und 卢盛舟Lú Shèngzhōu (NJU)
Vorbereitet und moderiert von Lei Wanluo, Li Siying, Sun Shuo, Yang Lianzhou, Yu Zimeng, Zhang Naiwen
Dokumentiert und verfasst von Yang Lianzhou

Im Rahmen des Fachkolloquiums im Wintersemester 25/26 trafen sich Lehrende und Studierende zu einem Podiumsgespräch über Status und Potenzial der chinesischen Germanistik. Zu Gast waren zwei namhafte chinesische Gelehrte, Prof.in Dr. Ren Weidong (School of German Studies, Beijing Foreign Studies University, China) und Assoc. Prof. Dr. Lu Shengzhou (German Department, Nanjing University, China). Die Diskussionsrunde wurde von einer studentischen Arbeitsgruppe im Double-Degree Masterprogramm Interkulturelle Germanistik Deutschland – China moderiert. Rund 30 interessierte Studierende, Lehrende und externe Gäste nahmen teil und diskutierten mit.

Unsere Gäste aus China

Die Podiumsdiskussion zielte darauf ab, einen Einblick in die Praxis der chinesischen Germanistik zu geben und die Breite des Faches zu skizzieren. Eine solche Skizze erfordert fachliche Sichtweisen, Perspektiven und Erfahrungen auf unterschiedlichen Ebenen, deren Auffächerung ohne die beiden Gäste aus renommierten germanistischen Abteilungen unmöglich gewesen wäre. Sie sprachen somit nicht nur als Lehrende und Forschende im Fach Germanistik, sondern auch als Repräsentanten einer sich kontinuierlich entwickelnden Germanistik in China.
Ren Weidong und Lu Shengzhou teilen das Forschungsinteresse an der deutschen Literatur und Literaturwissenschaft und bringen eine langjährige Erfahrung in der Übersetzung deutschsprachiger Gegenwartsliteratur ins Chinesische mit. Die Forschungsinstitutionen, aus denen unsere Gäste kommen, weisen eine lange und bedeutende Geschichte auf. Diese sollte besondere Beachtung finden, wenn man über die Entwicklung des Studienfaches Germanistik in China reflektiert.

Themenblöcke der Diskussionsrunde
Die Diskussion wurde in drei Themenschwerpunkte unterteilt und orientierte sich sowohl am Studienfach als auch an dessen Entwicklung und Zukunft. Damit sollte aus einer anwendungsbezogenen Perspektive der ganze Prozess vom Sprachenlernen über Fachverständnisse und Curricula bis zur Einbettung neuer Techniken adressiert werden.

Der erste Teil der Diskussion thematisierte die Studienpläne der beiden chinesischen Universitäten. Zunächst stellte Ren den Lehrplan des 5. Semesters im Bachelorstudium vor und verdeutlichte die Vielfalt der Germanistikbildung an der BFSU. Als eines der größten Germanistikinstitute in China verfügt die BFSU über besonders günstige Rahmenbedingungen, um die Vielseitigkeit germanistischer Studien zu verwirklichen. Das Fach ist in die Bereiche Literaturwissenschaft, Sprachwissenschaft, Übersetzungswissenschaft, interkulturelle Kommunikation sowie Diplomatie und Wirtschaft Deutschlands gegliedert. Lu hingegen wählte eine Darstellung der historischen Entwicklung der Deutschabteilung an der NJU, die zu den ältesten in China zählt, und präsentierte sie als traditionsreiche Einrichtung, die entsprechend ihres philologischen Fokus auf Literaturwissenschaft, Sprachwissenschaft und Übersetzungswissenschaft ausgerichtet ist.

Literaturwissenschaftliche Veranstaltungen werden in beiden Curricula als fachwissenschaftliche Kurse ab dem dritten Studienjahr im Bachelorstudium angeboten. Lu erläuterte, dass es dabei vor allem darum ging, den Studierenden einen Überblick über die deutsche Literatur von der Aufklärung bis zur Gegenwart zu geben. Zum Kanon zählen selbstverständlich die Klassiker wie Lessing, Goethe, Kleist und Kafka. Ähnliches gilt nach Ren auch für die BFSU, wo die gesamte Literaturgeschichte vermittelt und nach Autor*innen, Werken, Entstehungskontext, historischem Hintergrund, Stil und Rezeptionsformen gegliedert wird. Ergänzend werden Aspekte der Textanalyse behandelt. Ziel ist es, den Studierenden Kompetenzen für den eigenständigen Umgang mit literarischen Texten im weiteren Fachstudium zu vermitteln. Gearbeitet wird häufig mit einem Lehrbuch des Germanisten 王炳钧Wang Bingjun: Literatur und Erkenntnis (Beijing 1997). Das Buch besteht aus 15 Einheiten, die jeweils einer literarischen Strömung gewidmet sind. Vertiefungskurse zu einzelnen Schriftstellerinnen und Schriftstellern können im 4. Studienjahr belegt werden. Diese Literaturkurse sind auch in ein fächerübergreifendes Studium Generale integriert, in Nanjing etwa mit dem Kurstitel „Dichten und Denken“ (chinesisch: 诗与思, shī yǔ sī). Diese Struktur begründet den „klassischen“ Kanon der Lektürewahl: Aufgegriffen werden vorwiegend Autoren, weniger Autorinnen, die seit langem Teil des chinesischen literarischen Lese-Welt sind und an die interessierte Studierende aller Fachrichtungen womöglich aus früheren Lektüren anknüpfen können. Die Texte werden so vermittelt, dass Raum für Fragen und Meinungen entsteht, mit dem Ziel, eine kritische Diskussionskultur bewusst erfahrbar zu machen.

Germanistik als Oberbegriff
Im zweiten Teil wurde diskutiert, wie unter chinesischen Germanist*innen der Begriff „Germanistik“ verstanden wird. Ren betrachtet die Germanistik als erweiterten Forschungskontext zur Integration kulturwissenschaftlichen Wissens und betont die Offenheit des Studienfachs. Lu hingegen konkretisierte die Interpretation des Begriffs „Germanistik“ im internationalen Kontext. Er ist der Auffassung, dass die Grundlage des Studienfachs in der Beherrschung der deutschen Sprache liegt und die Professionalisierung in der Vertiefung literaturwissenschaftlicher Interpretationskompetenzen zu finden sei. Der Kontext einer interkulturellen Germanistik wird dabei relevant, wenn die chinesische Regionalität in Rezeption und Interpretation einbezogen werden kann. Ren betonte, dass sich die Reflexion und Reziprozität mit der chinesischen Literatur häufig von selbst ergebe und man ihr kaum entkommen könne.
Die Grenzen des Fachs sind in der chinesischen Germanistik offen für Verschränkungen mit anderen Wissensbereichen. Daraus ergeben sich Kombinationen des Deutschstudiums mit weiteren Studienfächern – etwa in Nanjing mit den Rechtswissenschaften oder an der BFSU mit Big-Data-Programmen. Um experimentieren zu können und Innovation zu ermöglichen, verfährt man nach dem bewährten Prinzip 摸着石头过河 – nach den Steinen tastend den Fluss überqueren.

Deutsch in früheren Bildungsphasen und KI
Die Einführung von Deutsch als Schulfach, nicht zuletzt begleitet durch die PASCH-Initiative des Goethe-Instituts, begünstigte die bereits bestehende große Nachfrage nach Deutsch, der Mitte der 2000er Jahre mit zahlreichen Gründungen von Deutschabteilungen entsprochen wurde. Derzeit ist jedoch ein rückläufiger Prozess zu beobachten. Dazu beigetragen hat auch das Aufkommen der Künstlichen Intelligenz, die erheblichen Einfluss auf den Zugang zu Fremdsprachen nimmt und die Praxis des Lernens und Übersetzens verändert. Während KI in vielerlei Hinsicht die Arbeit unterstützen kann, ist das Fachwissen und das Know-how des Menschen in der praktischen Arbeit nach Ansicht der Gäste nicht so einfach ersetzbar. Dies erklärt den Trend zur stärkeren Konzentration auf die etablierten germanistischen Institute.

Austausch im Plenum
Im Gespräch mit dem Publikum wurde zunächst die interkulturelle Bereicherung herausgestellt, die der chinesische Blick auf die deutschsprachige Literatur mit sich bringt. Interkulturalität als bewusst gewählte methodische Haltung erfordert, die eigene Position reflexiv einzubeziehen und kulturelle Prägungen sowie Lektürehorizonte systematisch zu berücksichtigen. Die Auseinandersetzung mit deutscher Literatur führt dadurch zu verstärkter Selbstreflexion über die eigene Kultur. Unterstützt wird dies durch kulturwissenschaftliche Ansätze, die das Interpretieren sowohl deutscher als auch chinesischer Texte prägen. Als Beispiel nannte Ren die Gegenüberstellung des in der chinesischen Literatur häufig vorkommenden Themas „Heimweh“ mit dem in der deutschen Lyrik wichtigen Motiv „Fernweh“, was die unterschiedlichen Erfahrungsräume besonders anschaulich vor Augen führte.

Anschließend standen die Zukunft der Germanistik in China und die Berufsperspektiven der Absolvent*innen im Mittelpunkt. Diskutiert wurde, wie das Studienfach vor dem Hintergrund struktureller Veränderungen an Attraktivität gewinnen kann. Das Publikum interessierte sich besonders für konkrete Karrierewege. Die Gäste stellten daraufhin die Situation in China vor: Viele Bachelorstudierende setzen ihr Studium im Master oder in der Promotion fort, einige wechseln nach Bestehen der Beamtenprüfung (chinesisch: 考公, kǎogōng) in den öffentlichen Dienst, andere finden Stellen im Kulturbereich, etwa in Verlagen, wohingegen der Verbleib in der Wissenschaft zunehmend erschwert wird. Aus dem Plenum kam schließlich der Vorschlag, ein digitales Alumni-Portal zu nutzen, das berufliche Wege nach dem Studium sichtbar machen und Kontakte im Netzwerk stärken soll, um die deutsch-chinesische Vernetzung nachhaltig zu fördern. Das  Alumni-Portal auf ikg-goettingen.de möchte dies leisten.

Ausblick
Die umfangreichen Erfahrungen und Einblicke in die Entwicklung der chinesischen Germanistik als Studienfach vermittelten den Zuhörer*innen wertvolle Einsichten sowohl in den Aufbau der Curricula als auch Perspektiven auf zukünftige Herausforderungen. Bleibt zu betonen, dass sich die chinesische Germanistik auf einem Weg der weiteren Professionalisierung befindet und offen für die Einbeziehung vielfältiger Kontexte ist, um eine förderliche Atmosphäre für Forschung und die Vernetzung mit internationalem Fachwissen zu schaffen.

Wir danken den beiden hier zu Gast gewesenen Gelehrten für diese spannende und realitätsnahe Diskussion.

Zum Vortrag von Lu Shengzhou über Yoko Tawada am 25. November 2025