© Originalfoto: Minyue Wu. Originalzeichnung: Lu Yu. Bearbeitung via Gemini: Minyue Wu

Ein Gespräch mit Tsai Pao-Chang über Theater, Wahrheit und zwischenmenschliche Beziehungen am 11. Juni 2026 in Göttingen

Während seines Aufenthalts in Göttingen sprach der Dramatiker mit Studierenden der Universität Göttingen über Theater, Wahrheit, Fiktion, zwischenmenschliche Beziehungen sowie interkulturelle Ausdrucksformen. Dabei gewährte er spannende Einblicke in seinen kreativen Prozess und die Entstehung seines Stücks Reality No Show.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, Dramatiker zu werden?

Ursprünglich hatte ich nicht vor, im Theaterbereich zu arbeiten. Als junger Mensch wollte ich Diplomat werden. Während meines Studiums nahm ich jedoch an einer Inszenierung von Tschechows „Der Kirschgarten” teil. Diese Erfahrung hat mein Leben grundlegend verändert.

Zum ersten Mal verstand ich, dass ein Theaterstück nicht unbedingt von dramatischen Konflikten leben muss. Tschechow zeigte mir, wie komplex und zugleich widerstandsfähig die menschliche Natur ist. Später machte ich selbst Erfahrungen, die mich die Wahrheit dieses Stücks erkennen ließen. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich mich mit genau dieser Kunstform beschäftigen wollte.

Woher stammt die Inspiration für Reality No Show?

Das Stück entstand nicht aus einem einzelnen Ereignis, sondern aus vielen Erfahrungen und Beobachtungen.

Ein wichtiger Auslöser war eine Fake-News-Geschichte, die mich zum Nachdenken brachte: Wenn eine falsche Nachricht Menschen dazu bewegt, etwas Gutes zu tun, ist sie dann automatisch schlecht? Diese Frage führte mich zu Überlegungen über Wahrheit, Wirkung und Moral.

Gleichzeitig machte ich persönliche Erfahrungen mit öffentlicher Kritik im Internet. Dadurch begann ich, über Wahrheit, Täuschung und den Wert von Lob oder Ablehnung nachzudenken. All diese Gedanken fanden schließlich ihren Weg in das Stück.

Warum haben Sie den Titel Reality No Show gewählt?

Für mich gehört es zu den schönsten Eigenschaften des Theaters, dass es keine eindeutigen Antworten gibt.

Wenn Menschen den Titel lesen und sich fragen „Warum?“, dann hat er seinen Zweck bereits erfüllt. Jeder wird ihn anders interpretieren und genau das finde ich spannend.

Auch der Zusatz „nach einer wahren Geschichte“ ist bewusst gewählt. Viele Filme und Serien verwenden diese Formulierung. Mich interessiert jedoch die Frage, warum wir etwas leichter glauben, sobald uns gesagt wird, dass es „wirklich passiert“ ist. Entsteht Wahrheit durch Fakten – oder durch unseren Glauben an sie?

Warum haben Sie sich für die verschachtelte Struktur eines Stücks im Stück entschieden?

Ich glaube, dass Menschen immer nur Ausschnitte der Wirklichkeit sehen. Deshalb wollte ich eine Struktur schaffen, in der sich die Perspektive ständig verändert. Mit jeder neuen Ebene wird das zuvor Geglaubte infrage gestellt. Für mich ist diese Form der Irritation wertvoll. Theater muss nicht nur unterhalten. Es kann uns auch dazu bringen, unsere eigenen Gewissheiten zu hinterfragen.

Wie verstehen Sie „Wahrheit“ in zwischenmenschlichen Beziehungen?

Ich glaube nicht, dass wir einen anderen Menschen jemals vollständig verstehen können. Selbst in den engsten Beziehungen bleiben Bereiche verborgen. Dennoch bleibt der Wunsch bestehen, dem anderen näherzukommen.

Am Ende entscheiden wir uns oft dafür, das zu glauben, was wir glauben möchten. Und genau diese Entscheidung ist ebenfalls eine Form von Wahrheit.

Im Stück heißt es, Menschen würden einander oft „gegenseitig nutzen“. Stimmen Sie dieser Aussage zu?

Ich halte diese Beobachtung für realistisch, aber nicht unbedingt für negativ.

Menschen gehen Beziehungen meist ein, weil sie etwas brauchen oder suchen. Das gehört zur menschlichen Natur. Gerade weil viele Beziehungen von Erwartungen, Interessen oder Austausch geprägt sind, erscheinen jene seltenen Verbindungen besonders wertvoll, die ohne erkennbare Gegenleistung bestehen. Diese Sehnsucht nach einer solchen Verbindung findet sich auch in meinen Stücken wieder.

Warum spielen deutsche Sprache, englische Lieder und interkulturelle Elemente im Stück eine Rolle?

Diese Elemente stammen zunächst aus meinen eigenen Lebenserfahrungen.

Darüber hinaus glaube ich, dass Schönheit oft eine gewisse Distanz braucht. Wenn Gefühle durch eine Fremdsprache, Musik oder einen anderen kulturellen Kontext vermittelt werden, entsteht für mich eine besondere Form von Poesie. Distanz schwächt Emotionen nicht – manchmal macht sie sie sogar deutlicher spürbar.

Wie ist Ihr erster Eindruck von Göttingen?

Mein erster Eindruck von Göttingen ist: klein, aber wunderschön.

Obwohl ich erst kurze Zeit hier bin, beeindruckt mich besonders die Altstadt. Ich freue mich darauf, die Stadt weiter zu erkunden – ihre Cafés, ihre Straßen und die besondere Atmosphäre, die sie ausstrahlt.

Das Interview führten Sihua Lu und Ruhan Yang
Übersetzung und Redaktion: Ruhan Yang