Vorbereitet, moderiert und dokumentiert von Du Jiayin, Meng Tong, Ma Yuqian, Tang Fengyi, Wu Muzi und Zheng Linjie

Im Fachkolloquium am 25. November erwarteten zahlreiche neugierige Zuhörerinnen und Zuhörer Assoc. Prof. Dr. Lu Shengzhou vom German Department der Universität Nanjing. Er wurde von Studierenden der Studiengänge Interkulturelle Germanistik Deutschland-China und Interkulturelle Germanistik / Deutsch als Fremdsprache, die die Sitzung vorbereitet und gestaltet hatten, herzlich begrüßt und vorgestellt.

Lu Shengzhou ist Dozent und Doktorvater an der Deutschabteilung der Universität Nanjing. Seine Lehr- und Forschungsinteressen liegen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur und der interkulturellen Literaturwissenschaft. Er promovierte bei Oliver Jahraus an der LMU München zum Thema „Hat Heinrich von Kleist Unterhaltungsliteratur geschrieben? Zu einer Schreibweise in den Berliner Abendblättern“ (Würzburg: Königshausen & Neumann 2016).

2018 ist seine Übersetzung ins Chinesische von Siegfried Unselds „Der Autor und sein Verleger“ (Suhrkamp 1985) erschienen:《作家和出版人》,西格弗里德 ·温赛德著,人民文学出版社. Zahlreiche weitere Veröffentlichungen sowie nationale und regionale Forschungsprojekte zeichnen seinen wissenschaftlichen Weg aus.

In seinem Vortrag „Zur Poetik des interkulturellen Palimpsests in Yoko Tawadas Paul Celan und der chinesische Engel“ geht Lu Shengzhou der Schreibweise und den poetischen Verfahren des Palimpsests in Bezug auf dessen interkulturelles Potenzial (Mecklenburg) nach. Tawadas Roman Paul Celan und der chinesische Engel (2020) steht exemplarisch für ihr mehrsprachiges und Interkulturalität inszenierendes und praktizierendes Schaffen. Bereits der Titel eröffnet ein interkulturelles Spannungsfeld zwischen der Re-Lektüre und Neu-Deutung Celans durch Yoko Tawada und der Kunstfigur des „transtibetanischen“ Chinesen. Der Schauplatz ist Berlin und reicht bis Paris. Die Handlung ist schlicht gehalten: Sie erzählt von der Begegnung und der entstehenden Freundschaft zwischen dem Deutschen Patrik und dem geheimnisvollen Leo-Eric Fu, dem chinesischen Engel, dessen Name vielschichtig codiert ist – „Leo“ verweist auf den Celans Vater, „Eric“ auf Celans Sohn, und „Fu“ auf den berühmten chinesischen Dichter Du Fu.
Das zentrale poetologische Verfahren des „Palimpsests“, ursprünglich aus dem Griechischen („wieder abgeschabt“) für wiederverwendete Pergamente mit sichtbaren Spuren früherer Texte, erläutert Lu Shengzhou an der aufgeschichteten, plurikulturellen, politisch-unpolitischen Bedeutung von Meridian (经线;经脉), „Fadensonnen“ (线太阳群) und der Textur des Engels.

Der Vortrag bot viele Anknüpfungspunkte für eine rege Diskussion. Gefragt wurde nach den Eigenschaften des Palimpsests als kultur- und literaturwissenschaftliches Analyseinstrumentarium für interkulturelle Zusammenhänge und wie sich das komplexe, sich wandelnde Verhältnis zwischen dem „überschriebenen“ und dem „neu eingeschriebenen“ Text angemessen theoretisch fassen lässt. In Bezug auf die Rezeption wurde gefragt, inwiefern interkulturelle Schreibweisen – jenseits ihrer ästhetischen und formalen Dimensionen – einen heuristischen oder initiierenden Charakter im Hinblick auf die Reflexion der Leserinnen und Leser über Kultur, Mehrsprachigkeit und wechselseitige Verflechtungen besitzen? Wenn interkulturelle Schreibweisen Kolonisierung und Dominanzen entgegenwirken, sich eigene kulturelle Identitäten neu etablieren und festigen können, stellt sich dann nicht die Frage: Besitzt die „Grenze“ überhaupt noch eine legitime Bedeutung? Ist die Phase, in der die Konstituierung eines „Selbst“ notwendig war, bereits überwunden? Ist Tawadas mehrsprachiges Schreiben eine Art „Entnationalisierung der Literatur“, eine Poetik, die sich bewusst von der Bindung an eine einzige Herkunftssprache löst? Müssen kulturelle Grenzen in der Literatur neu gedacht werden?

Wir danken Prof. Lu Shengzhou ganz herzlich für einen fokussierten Vortrag zu einem herausfordernden Text.

Literaturhinweis:
卢盛舟 (2024): 多和田叶子多语诗歌中的德汉语码转换探析. In: 外国语文研究:前沿与应用, S. 66-75
(Lu Shengzhou (2024): Eine Analyse der deutsch-chinesischen Code-Switching-Praktiken in den mehrsprachigen lyrischen Texten Yoko Tawadas. In: Fremdsprachen- und Literaturforschung: Aktuelle Entwicklungen und Anwendungen, S. 66-75)

Zur Webseite von Lu Shengzhou an der Universität Nanjing geht es hier.