„Die Situation ist da, das Essen leider nicht.“ So redete einst der häufig selbst als Schirmherr verschiedener Veranstaltungen eingebundene Konrad Adenauer, wenn man bestimmten Quellen Glauben schenken mag. Andere Runzeln über die Plausibilität dieser Gedanken-Zuschreibung nur die Stirn. Zweifelsfrei attestiert werden kann dem Altbundeskanzler dieses Zitat jedenfalls nicht, es fehlt der Beleg. Der Ernst der in diesen Worten beschriebenen Lage leuchtet uns allen trotzdem sofort ein.

Wie aber, wenn sich dieser Graus eines jeden Gastgebers umdreht, an Speis und Trank also kein Mangel ist, jedoch die Gäste fernbleiben?

Chiang Kai-Shek und die leeren Plätze

In diesem Schlamassel fand sich der ehemalige Präsident der National Central University (ab 1950 Nanjing University), Chiang Kai-Shek, wieder und er hatte Grund zur Empörung.

So lud er zum reich gedeckten Silvester-Festessen ein, an dem trotz des gehobenen Anlasses drei offenbar geladene, unbescholtene Professoren des Department of Chinese Literature and Language vermisst wurden.

Zumindest, falls man einer der Überlieferungen folgen möchte, decken sich die tatsächlichen Ereignisse mit dem Vorwurf… oder hat es sich womöglich vollkommen anders zugetragen, wie wiederum die beschuldigten Hochschullehrer versicherten? Ein bizarrer Streit mit vielen Gesichtern über die vorgeblichen Einladungen und fraglichen Teilnahmen entfacht.

Diese zunächst nach einem Missverständnis klingende Konstellation erregte nicht nur einiges an Aufsehen, sondern kochte mit großer Brisanz seinerzeit und insbesondere in den Folgejahren durch gerichtliche Auseinandersetzungen regelrecht zum Skandal hoch, mit zeitgenössischem Legendenstatus.

,Irgendetwas‘ wurde jedenfalls augenscheinlich vermisst

Aber was denn nun? Während Adenauers (angebliche) Feststellung sich für viele von uns ungerührt unter die zahllosen ,cold cases‘ der geflügelten Worte gereiht haben mag, rollt die Dramatikerin und Theaterautorin Wen Fangyi die nebulösen Ereignisse um einen bemerkenswerten Tag im China des Jahres 1943 neu auf und richtet ihre Betrachtungen an der im Rückblick immer verdrehter werdenden Bildbeigabe dieses Abends aus.

Dem Mythos mit allem, was das Herz begehrt, auf der Schliche, handelt es sich in ihrer Komödie The Face of Chiang Kai-Shek um eine fiktive Verarbeitung jener Begebenheit, die sowohl in der Medienlandschaft als auch beim chinesischen Publikum gleichermaßen überaus positiven Zuspruch einholte.

Zahlreiche thematische Schnittpunkte des 2012 anlässlich des 110. Jubiläums der Nanjing University verfassten Bühnenwerkes bedienen sich einer ungeahnten Gegenwartsnähe, welche ungeachtet des fast 80 Jahre zurückliegenden Ereignisses uns als Leserschaft weltweit mit einer wirklich wichtigen Frage aufwartet: Wenn wir der Suche nach der Erinnerung auf der Bühne zuschauen, inwieweit berührt ein solches Erlebnis unseren persönlichen Prozess der Identitätsbildung durch individuell rezipierte Lebensabrisse? Durch eigenes Erzählen schließlich?

Wie verworren und manchmal kurios die konkreten Ereignisse jedoch tatsächlich sind, ob am Ende gar in jedweder Erinnerung ein Quäntchen Wahrheit steckt, sind die Rätsel, die eine Etappe auf der Entdeckungsreise des Artists-in-Residence Programms bilden werden.

Dazu werden die Studierenden der Abteilung Interkulturelle Germanistik Göttingen in den kommenden Wochen gemeinsam mit unserer Artist, Frau Wen Fangyi, einen Austausch anregen, der auf dieser Plattform für Sie illustriert werden wird.

Liebe Gäste,

Sie sind sehr herzlich eingeladen, an dieser Spurensuche bis in die Gegenwart teilzuhaben und erhalten über die in dieser virtuellen Ausstellungshalle entstehenden Rubriken Gelegenheit zur Einstimmung auf den Höhepunkt, dem unsere gesammelten Programmpunkte zulaufen: In einem finalen „Interkulturellen Lesergespräch“, wäre es uns Hoffnung und Wunsch, in Zusammenkunft mit Ihnen den unverändert ,brandheißen‘ Fragezeichen kollektiver sowie individueller Gedächtnis- und Persönlichkeitskonstitution nachzugehen.

 

Viel Vergnügen beim Stöbern und bis bald!